



BREMEN. Als
Marat Fjodorowitsch Jegorow seinen Vortrag mit dem Appell: "Ihr
sollt Soldaten des Friedens sein - seid wachsam!" beendet,
bekommt er von den rund 100 Zuhörern im Saal des Bürgerzentrums
Neue Vahr stehende Ovationen. Der ehemalige sowjetische Oberleutnant
der Roten Armee sprach in einer emotionalen Rede anlässlich des
Gedenktages zur Erinnerung an die Befreiung vom Hitlerfaschismus am
8. Mai 1945, der gestern in Bremen stattfand.
Organisiert
hatte die Veranstaltung die internationale Antikriegsaktion "Das
Begräbnis oder die Himmlischen Vier". Der Name entstand in
Anlehnung an Bertholt Brechts "Legende vom toten Soldaten"
und die vier alliierten Siegermächte (USA, Russland, Frankreich
und Großbritannien). Seit 2006 veranstaltet das Aktionsbüro
den Erinnerungstag. Nach zwei Gedenktagen in Berlin, 2006 und 2007,
fand der Aktionstag erstmals in Bremen statt. Unterstützt wurde
die Veranstaltung vom Brecht-Jugendprojekt "Der Tag der
Commune/Roter Pfeffer".
Ausschlaggebend für die
Hansestadt als Aktionsort waren 36 IG-Metall-Vertrauensleute aus dem
DaimlerChrysler-Werk in Bremen, die sich aktiv an der Planung
beteiligten. "Es sind nicht nur Arbeiter, die immer wieder in
den Krieg geschickt werden. Sie sind auch diejenigen, die die
Kriegswerkzeuge bauen", sagte einer der Mitorganisatoren,
Gerhard Kupfer. Da es viele Arbeiter gebe, die sich darüber zu
wenig Gedanken machten, ist es seiner Ansicht nach Aufgabe der
Gewerkschaften, darauf aufmerksam zu machen. "Viele machen
einfach nur ihren Job - dabei haben wir schon zweimal gesehen, zu was
das geführt hat."
Neben Reden von
Gewerkschafts-Vertrauensleuten von DaimlerChrysler, BMW und MAN war
die Veranstaltung durch künstlerische und musikalische Einlagen
und Erinnerungen von Zeitzeugen wie die Rede des Kriegsveteranen
Marat Fjodorowitsch Jegorow geprägt.
Für die Bremer
IG-Metall-Gewerkschaftler sprach Gerwin Goldstein. Er machte auf die
Gefahren einer neuerlichen Rüstung aufmerksam und forderte dazu
auf, sich immer wieder die Vergangenheit ins Gedächtnis zu
rufen. "Als Gewerkschaftler fühle ich mich aufgefordert,
Kriegsvorbereitungen zu verhindern", sagte Goldstein zum
Abschluss seiner Rede.
Unter den Zuhörern waren allein 70
Arbeiter des DaimlerChrysler-Werks in Bremen. Die Brüder Hans
und Helmut Killer hatten eine weite Anreise. Sie waren extra aus
Nürnberg gekommen. "Ich finde Veranstaltungen dieser Art
sehr wichtig, vor allem wenn man sie in einen aktuellen Bezug stellt
wie diese", meint Hans Killer. "Imponiert hat mir vor allem
die Beteiligung der 36 Bremer Vertrauensleute. Ich glaube, das wäre
bei mir in der Firma nicht möglich."
taz, 10.5.2008
taz: Herr Eggerdinger, erleben wir heute eine radikal-pazifistische Veranstaltung?
Stefan Eggerdinger, Aktionsbüro die Himmlischen Vier: Das kann eine Gedenkveranstaltung zum Kriegsende ja gar nicht sein. Die muss daran erinnern, was die anderen Länder auf sich nehmen mussten, um Hitler zu besiegen, daran, dass der äußerste Krieg notwendig war.
Die Himmlischen Vier...?
... das sind die Alliierten, die Franzosen, Sowjetunion, die USA und England.
Warum kommt dann nur ein ehemaliger Rotarmist?
Das ist ein Zufall: Beim ersten Mal, 2006, waren Veteranen aller vier Armeen dabei. Wir wollen diese Veranstaltung jedes Mal in einer anderen Stadt machen und jedes Mal soll ein anderer Veteran sprechen. Gut möglich, dass es im nächsten Jahr ein britischer oder US-amerikanischer Soldat sein wird.
Ihre Aktion gibt es seit sechs Jahren, und anfangs gab es Widerstand von den Behörden. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Veranstaltung?
Es stimmt, es hat drei Jahre gedauert, bis wir das in Berlin und Potsdam erstmals machen durften. Wir verstehen Erinnern nicht nur als Gedenken an das, was gewesen war, sondern eben auch an das, was bei der Konferenz von Potsdam vereinbart wurde und noch nicht erreicht ist: Ein Deutschland ohne Faschisten, ohne Waffen und ohne Militär.
Ohne Militär - das ist seit der Gründung von NVA und Bundeswehr nicht mehr salonfähig.
Das mag sein, aber es ist ja kein Zufall, dass 1945 erstmals die vollständige Entwaffnung eines Landes beschlossen wurde. Jetzt aber bereitet sich dieses Land wieder auf Krieg vor, oder vielmehr: Es wird auf den Krieg vorbereitet. Bei uns sprechen deshalb auch Vertrauensleute von Bremer Großbetrieben, die sagen: Wir produzieren für den Krieg. Wenn man diese Entwicklung sieht, dann müssen wir doch daran erinnern. Auch wenn es nicht salonfähig ist.
Dass gesagt wird: Deutschland muss - wie früher die Alliierten gegen Hitler - für Sicherheit und Freiheit in der Welt auch militärisch einstehen ist keine Handlungsoption?
Nein, das ist keine Handlungsoption. Das ist ja dieselbe Politik, die Hitler auch gemacht hat: 1938 hat der gesagt, wir müssen die Außenpolitik so darstellen, dass das Volk von selbst nach Krieg schreit. FRAGEN: BES
Antikriegsaktion "Das Begräbnis oder die Himmlischen Vier", Bürgerzentrum Neue Vahr, 13.30 Uhr

Junge Welt, 7.5.2008
Wenn Angela Merkel, ein toter deutscher Soldat und zwei Krokodile durch Bremen ziehen, dann sind die "himmlischen Vier" wieder da und inzenieren Bertolt Brechts "Legende vom toten Soldaten". Neben dem Antikriegsstück "Das Begräbnis oder die himmlischen Vier", das 2006 in Berlin und Potsdam spielte, gibt es im Bürgerzentrum Neue Vahr weitere Programmpunkte zur Erinnerung an die Befreiung von Faschismus und Krieg. Anstelle von Historikern werden Zeitzeugen sprechen, darunter Rotarmisten der Antihitlerkoalition. Anstelle von Unternehmern sprechen Arbeiter aus Großbetrieben, zum Beispiel von Daimler und BMW, in denen längst wieder für den Krieg produziert wird. Darunter sind Arbeiter aus dem Daimler-Werk in Bremen-Sebaldsbrück, wo unter dem Faschismus 4000 Zwangsarbeiter eingesetzt waren und für die ein eigenes KZ-Außenlager errichtet worden war.
In einer Erklärung rufen 36 IG-Metall-Vertrauensleute von Daimler Bremen zu der Veranstaltung auf. "'Die Kapitalisten wollen keinen Krieg. Sie müssen ihn wollen' - dies schrieb Bertolt Brecht im Jahr 1952. Wir wollen keinen Krieg und wir müssen ihn auch nicht wollen, weil wir Arbeiter sind und weil es unser Ziel sein muß, diese zynische kapitalistische Vernichtungslogik zu durchbrechen. Unser Gegner ist nicht der Arbeiter bei BMW, nicht der Arbeiter in Polen oder der Türkei. Die Schlacht um Profite endet nicht 'nur' bei der Entlassung Hunderttausender, sondern - dies hat vor allem auch die deutsche Geschichte bewiesen - mit Elend und Tod von Millionen."(jW)
Samstag, 10. Mai, 14 Uhr, Bürgerzentrum Neue Vahr, Berliner Freiheit 10, Karten 5 Euro/ ermäßigt 3 Euro, Kontakt: 0421/4330291
Märkische Allgemeine Zeitung, 18.5.2006
"Das Begräbnis oder die Himmlischen Vier" möchte der Stadt Potsdam und seinen Bürgern die Grabplatte des "Toten Soldaten" mit der Inschrift "Hier liegt ein toter Soldat. Er wurde mehrmals wieder ausgegraben und in den Krieg geschickt. Am 14.Mai 2006 wurde er von vier Veteranen der Siegermächte des letzten Weltkrieges erneut begraben. Laßt ihn in Ruhe!" als Leihgabe des Friedens übergeben. Das hat der Verein gestern dem Oberbürgermeister brieflich angeboten. Das Geschenk solle als Mahnung, daß von deutschem Boden niemals wieder Krieg ausgehen darf, angesehen werden. Ein der Grabplatte des Toten Soldaten (von dem gleichnamigen Gedicht von Bertolt Brecht) würdiger Platz sei das Glockenspiel in der Grünanlage an der Dortustraße, heißt es in dem Brief weiter.
Potsdamer Neueste Nachrichten, 15.5.2006
Märkische Allgemeine Zeitung, 15.5.2006
Fotos(3): Köster
Antrag ID 2 Unterstützung "Die Himmlischen Vier"
EinreicherInnen: Projekt "Die Himmlischen Vier"
(Im Unterschied zu allen anderen Anträgen ist der Text dieses Antrags auf der Website "www.pds-berlin.de" nicht veröffentlicht.)
S 6: Anita und der legendäre Soldat
Brecht-Verein am 8. Mai mit Aktion am Reichstag/Versammlungsbehörde sieht Konflikte
Otto Köhler
Jakobs lehnt Idee für Kunstaktion ab / Diskussion um Programm zum 60. Jahrestag der Befreiung
8. Mai am Brandenburger Tor
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